24.07.2007

Anatomie des Streikens - wenn Versager argumentieren?

Streiks sind jederzeit in Mode. Wobei heutzutage hauptsächlich Menschen streiken die verglichen mit anderen Erwerbsgruppen überprivilegiert sind und sich deshalb besonders ausgebeutet fühlen. Ob Telekom-Betriebe, Eisenbahnen, Fluglinien, aktuelle oder ehemalig öffentlich Bedienstete sind besonders erfahren in der Arbeitsverweigerung. Eine Erfahrung die sie besonders bei Streiks umsetzen können. Oder braucht man zum Streiken besonderes Können? Oder ist es sogar Erziehungssache? Wir gehen dem Wesen des Streikens nach...


Streiken ist immer noch modern (außer in Japan, dort sterben die Leute lieber an Karoshi). Oft geht es darum die Ausbeutung zu beenden. Bei der Alitalia scheint das nach vielen Streiks endlich gelungen, mittlerweile wurde das Unternehmen in einen Zustand hingestreikt der die italienische Regierung veranlasst das Unternehmen bald zu verschrotten. Ausbeutung zu Ende, alle zufrieden? Gerade beim Streik treffen oft Sichtweisen aufeinander die aus unterschiedlichen Paralleluniversen stammen könnten. Streikende sind oft der Überzeugung dass Streiks etwas konstruktiv bewirken. Ein überzeugter Streikender glaubt zB auch daran dass die Chinesische Mauer nur durch die erfolgreiche Bestreikung des Nichtbaus entstanden sei. Nichtsdestotrotz - ist Streiken eine Konfliktbewältigungsform für Menschen die ansonsten keine Argumente mehr haben und denen mangels sonstiger Talente gar nichts anderes übrig bleibt?

Wir befragten zuerst den Bildungsexperten Prof.Konrad Kuschler ob der Drang zum Streiken etwa eine Frage der Erziehung sei. Prof.Kuschler erläutert uns:

"Es gibt durchaus einige Hinweise dass der Hang zum Streiken erziehungsbedingt ist. Es fängt bereits in der frühesten Kindheit an. Stellen Sie sich zB einen kugelrunden Klein-Maxi vor dem nach 6 Tüten Eis bereits mächtig schlecht ist. Er weint solange bis Mutti auch die siebte Tüte rüberschiebt obwohl sie weiß dass das nicht gut für Klein-Maxi ist, aber sie gibt dem Geschrei nach. Auch wenn Klein-Maxi nachher erbricht als gäbe es kein Morgen, er hat gelernt dass er wieder Vernunft nur solange brüllen muß bis der Klügere nachgibt. In späteren Schuljahren glänzen diese Kinder dann meist solange durch Abwesenheit und grottenschlechte Noten bis sie in kleine Fördergruppen für schwierige benachteiligte Kinder gegeben werden. Womit der notorische Schwänzer und Lernverweigerer dann behutsame und aufmerksame Zuwendung & Kuschelpädagogik in der Kleingruppe und entspannter Atmosphäre genießt während die Streber gemeinsam mit 30 anderen in Großklassen mit hohem Migrantenanteil bis zum Abschluß durchkaserniert werden. Verweigerung lohnt sich somit."

Als nächstes wollten wir wissen welche Menschen besonders anfällig für das Streiken seien. Wir besuchten dazu den Streiksoziologen Mag.Clas N. Kampp. Er erzählt uns von aktuellen Forschungsergebnissen:
"Wir wissen heute grundsätzlich dass es viel leichter ist Menschen dazu zu bringen nichts zu tun als Menschen dazu zu bringen mehr als andere zu tun. Aus diesem Grund wird eine Gewerkschaftsfunktionärskarriere stets attraktiver sein als eine Unternehmerkarriere. Allerdings braucht es eine Reihe von Voraussetzungen um als Streikender wirklich erfolgreich zu sein. Dazu ist unter anderem notwendig: ständiges Bewusstsein ein Opfer zu sein (von denen da oben, dem Kapital, dem Neoliberalismus, den Konzernen, dem Arbeitgeber, eigentlich allem und in jeder Hinsicht), die Fähigkeit die vorgekaute Meinung fremder Leute als die eigene zu missverstehen und sie entsprechend militant vorzubringen, ein ausreichendes Lemmingbewusstsein um Funktionären zu folgen die mehr verdienen als ihr Chef (insb pro Wertschöpfung/Arbeitsstunde), dafür aber bloß einen Bruchteil deren Ausbildung mitbringen und das Arbeitsethos eines betrunkenen Esels bei 35 Grad Hitze. Kurzum: heutzutage streikt nur mehr jemand der in einer freien Marktwirtschaft von niemandem weiter gebraucht wird und das auch weiß."

Zuguterletzt sprachen wir noch mit einem ehemaligen Gewerkschaftsfunktionär der zuständig war für die Ausbildung von Streikern und Streikposten. Da er Repressalien befürchtet möchte er ungenannt bleiben. Hinter aufgehaltener Hand vertraut er uns die entsprechenden gängigen Ausbildungswege für Streikende an:
"Es ist ein Irrglaube dass einfach jeder Streiken kann. In der Gewerkschaft gibt es dafür behutsame Ausbildungszyklen, behutsam deshalb weil Streikende besonders gerne gegen Anstrengungen durch Weiterbildung streiken. Gewerkschaftsinterne Studien zeigen auch dass die Länge von Aufmärschen in den letzten 30 Jahren um 84% abgenommen hat, für die meisten Streikenden ist ein Aufmarsch das erste Mal seit vielen Jahren dass sie sich über eine längere Distanz, sagen wir zB 800 Meter, wirklich bewegen müssen. Funktionäre werden ohnehin im Auto zum Podium gefahren. Auch das Halten von Streiktafeln ist nicht ohne, viele Genos... ähm Mitglieder müssen erst eingewiesen werden wo vorne ist. Und das Trillerpfeifen ist nicht ungefährlich, jährlich gehen bis zu 20% der Streikenden entweder wegen Atemnot in mehrwöchigen Krankenstand, oder es werden Streikpfeifen einfach verschluckt. Streiken bringt also viele Streikende wirklich an ihre persönlichen körperlichen und intellektuellen Belastungsgrenzen."

An dieser Stelle möchten wir sicherheitshalber kleine Ich-AGs, Selbständige, Freiberufler oder Kleinlandwirte warnen. Auch wenn in den Zeitungen immer wieder zu lesen sei dass ein Streik dieses oder jenes 'gebracht' hätte - don't try this at home. Es bringt nichts wenn Sie in Ihrem Einzelunternehmen eine eigene Gewerkschaft gründen um anschließend sich selbst zu bestreiken nur um mehr Lohn zu erhalten oder noch weniger Leistung erbringen zu müssen, das aber kündigungsgeschützt und mit garantiertem Einkommen. Wir müssen an dieser Stelle erinnern dass das Grundgesetz oder die Verfassung bzw. jener Passus der festlegt alle Menschen sollen gleichbehandelt werden nicht für alle Erwerbsgruppen gilt.
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(Bild: malias / Flickr / CC BY)

3 Lesermeinungen:

Stefan hat gesagt…

Ich bin ja nur froh, daß das ironisch ist...
Wahrscheinlich gibt es auch Menschen, die sowas ernsthaft meinen...

Herschel hat gesagt…

sich selbst bestreiken? die idee ist gar nicht schlecht.

ich mache mich einfach in einem wirtschaftszweig selbstständig, von dem ich weiß, dass es dafür eine gewerkschaft mit prallgefüllter streikkasse gibt.

dann brauche ich mich nur alle zwei monate selbst zu bestreiken und von der streikkasse zu leben, und die übrige zeit, versuche ich meinen lohn unter tarif zu drücken. ein vorwand muss ja da sein.

U9TA Gründer hat gesagt…

@Herschel:
...und eigentlich hast Du somit 10 Sylvester an der Uni umsonst studiert... ;)

@Stefan:
Willkommen bei UNTERNEUNTUPFING Aktuell. Ja die gibt es, und es gibt noch viel erschütterndere Ansichten...