20.10.2007

Die Umwelt kindgerecht behandeln

Außerordentlich begabte Künstler enden oft vereinsamt im Drogenrausch, hochintelligente Forscher vergammeln früher oder später in einem Wissenschaftlerghetto, geniale Denker enden nicht selten isoliert wie anatomische Präparate - nämlich im Alkohol. Ein komplexer tiefgründiger Verstand ist keine Gnade sondern eine Bürde - und wer nicht lernt seiner Umwelt kindlich genug zu begegnen wird bald kein soziales Umfeld mehr haben...

Aus der Forschung lernen
Wie die Stuttgarter Zeitung jüngst unter der Schlagzeile Doping fürs Kinderhirn berichtete wollen Experten der psychiatrischen Uni-Klinik zu Göttingen herausgefunden haben dass Märchen bei der Erziehung hilfreich wären weil sie den Kindern helfen würden Vertrauen in die Welt zu fassen. Stark vereinfachte Darstellungen und klare Charakterpositionen helfen eine komplexe Welt behutsam verstehen zu lernen.

Was für Kinder recht ist ist natürlich für Erwachsene gerade billig. Nehmen wir zB StudentInnen die zu faul sind sich ein anständiges Frühstück zu machen und stattdessen Babynahrung aus dem Glas löffeln. Schon in der UN-Menschenrechtskonvention ist das Grundrecht auf Infantilität verankert, wenn ein juristisch erwachsener Mensch die Schule verlässt hat er das Privileg erworben sich für den Rest des Lebens nicht mehr bilden zu müssen, schließlich endet die Schulpflicht ab einem gewissen Alter. Menschen wollen keine komplexen und komplizierten Zusammenhänge, sondern einfache emotionale Botschaften. Und wer das nicht kapiert wird ziemlich rasch vereinsamen. Dabei könnte man täglich von vielen guten Beispielen lernen...

Von der Politik lernen
Quereinsteiger in die Politik, insbesondere wenn sie zuvor von einer staatlichen Forschungseinrichtung kamen, machen meist denselben Fehler: sie sprechen mit ihren potentiellen Wählern und den Medien genauso wie sie im Hörsaal gesprochen haben. Und bereits dort ist jeder eingeschlafen, und die wenigen die wach blieben haben kein Wort verstanden von dem was vorgetragen wurde (bis auf den/die QuotenstreberIn die dem Vortragenden bis zum Ende des Studium wie ein Blutegel am Hals hängt). Professionelle Politiker hingegen haben den Dreh raus wie man Wahlen gewinnt, nämlich durch Erzählung von kindgerechten Märchen. Dazu braucht es ein klar umrissenes Gut/Böse-Schema, ja nicht zu kompliziert, kurze knackige Worte wogegen man sein muss, emotionaler Vortrag, und am Ende muß das Gute siegen. Und das Gute ist natürlich immer die jeweilige Partei, Gesinnung oder der jeweilige Politiker. Und komplizierte Fakten (wie man zB ein Wahlversprechen im Detail finanzieren will) haben in Märchen nichts zu suchen. Im klassischen Märchen kommt das Geld aus dem Goldesel, im realen Märchen halt vom Staat. Das muss als verdichtete kindgerechte Information reichen.

Von den Massenmedien lernen
Auch die Massenmedien machen uns täglich vor wie man seine Leser, Hörer, Zuseher kindgerecht bedient. Sonst wären es ja auch keine Massenmedien sondern Konkursmedien. Es fängt bei den Schlagzeilen an. Kindgerecht sind zB "Bush frisst kleine Kinder", "Britney Spears von ihrem Hund schwanger" oder "Klinsmann bald Trainer von Ferrari?". Absolut daneben ist z.B. "Die soziokulturellen Interferenzen der Flatulenz im albanischen Kleinbürgertum des 13.Jh mit den Anbaumethoden kirgisischen Kunstrasens im normativen Spiegel der dialektischen Neomoderne." Gewiß ein hochspannendes Thema, aber auf keinem Fall kindgerecht. Und zum Generationenvertrag gehört auch dass sich die Altvorderen möglichst lange so benehmen wie ihre Nachzucht, in jeder Hinsicht.

Vom Spitzensport lernen
Gerade im Spitzensport ist Kindgerechtheit Grundbedingung um gerade bei professionellen Mannschaftssportarten als Trainer überhaupt noch arbeiten zu können. Aufgrund der heute häufig vielen Legionäre in Teams werden in einer Mannschaft üblicherweise dutzende verschiedene Sprachen gesprochen, keine davon die des Trainers oder des Landes wo der Verein seinen Stammsitz hat. Würde zB ein promovierter Übungsleiter seinen Spielern all die Komplexitäten des sagen wir Basketball-, Handball- oder Fussballsports in akademisch angemessenen Worten erklären würde die Mannschaft alleine schon deshalb dauernd haushoch verlieren bloß um diesen Trainer loszuwerden. Wirklich professionelle Trainer beschränken sich auf kindgerechte Anweisungen: "Hier Ball, dort rein, und alles was hat selbes Trikot wie Du nicht foulen!" Manche Trainer greifen natürlich auch zu Märchen, z.B. wenn ein österreichischer Fussballtrainer zu seinen Kickern sagt an einem guten Tag könne man jeden Gegner schlagen.

Vor der eigenen Türe kehren
Gewiß, auch wir von UNTERNEUNTUPFING Aktuell haben da noch eine Menge dazuzulernen. Immer dann wenn wir zu lange Texte schreiben, zu komplizierte Pointen setzen oder gar zu tiefsinnige Themen schreiben straft uns der Leser beinhart ab, das Internet ist nunmal unfair aber ungerecht. Nichtsdestotrotz gilt die alte Weisheit wer an seinen Lesern vorbeischreibt hat bald keine mehr auch für uns. Wir geloben einsichtig Besserung...
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Weitere Artikel zum Umgang mit Mitmenschen:
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Behandeln Sie Ihren Traumpartner wie ein Tier
Hat Paris Hilton ihren Knast gekauft?

(Bild: channah / stock.xchng / Royalty free)

11 Lesermeinungen:

gaviota hat gesagt…

Ein sehr interessanter Beitrag, werter Rick!
ABER... meiner Meinung nach, schreibt ihr gewiss nicht am Leser vorbei. Auch lange und komplizierte Texte fordern und fördern unser Gehirn und bringen uns zum Nachdenken. Sie werden auch ganz bestimmt von sehr vielen gelesen. Dass sie evtl. weniger Kommentare oder Feedback erhalten mag auch daran liegen, dass manche nicht genau wissen wie sie ihre Meinung, mit demselben sprachlichen "Niveau", kundtun sollen. ;-) ... wenn du verstehst was ich meine. Auch ich habe manchmal meine Schwierigkeiten damit!
LG Gaviota

U9TA Gründer hat gesagt…

Danke liebe Gaviota für die virtuellen Blumen. Mit den Kommentaren / Lesermeinungen sind wir ohnehin sehr glücklich, da wollen wir lieber weniger aber dafür gute, lieber Geistreiches / Witziges / Nettes als Zank, Streiterei oder Einzeiler. U9TA hat die besten Kommentatoren die man sich wünschen darf :)

Allerdings geht es ganz ohne Boulevard und Leserzahlen auch nicht, obwohl die Zielgruppe von U9TA natürlich bewusst eine Nische ist. Wenn dieses Projekt allerdings mal die Hilfe leisten will die auch in einer bestimmten Größenordnung liegt dann muss es leider auch Konzessionen an einen größeren Massengeschmack geben. Senkt man den eigenen Qualitätsanspruch und macht mehr Richtung Bildzeitung dann steigen die Leserzahlen, allerdings vertreibt man das richtige Publikum und zieht vermehrt das falsche an. Distanziert man sich zu sehr vom Geschmack der Massen dann schreibt man bald nur mehr für 10 Leser. Wie auch immer, das Projekt muss noch viel lernen...

Herschel hat gesagt…

sehr interessanter artikel. wichtig, neben der vereinfachung in gut und böse, ist übrigens die kollektivierung. ein staat z.b. ist keine ansammlung von individuen, sonder ein kollektiv - entweder gut, oder böse. nur so kann man die wichtigen entscheidungen in der politik für die wähler "mundgerecht" machen.

nebenbei noch ein kleiner tip: wenn du mehr leser willst, berichte mehr über die unterneuntupfinger schickeria ;)

U9TA Gründer hat gesagt…

Sicher, Kollektivismen und Pauschalismen gehören unbedingt in den kommunikativen Werkzeugkasten.
Das mit der Unterneuntupfinger Schickeria wird eine herausfordernde Aufgabe, schließlich werden im verschlafenen Unterneuntupfing die Gehsteige hochgeklappt sobald es Dunkel ist.
P.S: Tipp retour an den künftigen Wirtschaftsmagnaten Rubinstein: Präsentationen, Berichte, Gespräche im praktischen Business sollten stets KLV-tauglich sein. Wobei KLV für Kinder, Laien und Vorstände steht...

Erdge Schoss hat gesagt…

Und Fräulein Spears, werter Herr Rick, ist tatsächlich wieder einmal schwanger?

Fantastisch
Ihr Erdge Schoss

Herschel hat gesagt…

vielen dank. ich sollte vielleicht wirklich anfangen bild-zeitung zu lesen, um mehr prägnanz in meine sprache zu bringen.

U9TA Gründer hat gesagt…

Und das nichtmal unter Mitwirkung Ihres notablen Schösslings, hochgeschätzter Erdge. Britney sick transit oral.
Ihr Schafredaktor.

Gaviota hat gesagt…

Lieber Rick...

OK! Ich verstehe, immerhin habt ihr ein Ziel. Wenn es soweit ist, werdet ihr feststellen, wer von den Massen übrigbleibt! Die haben es dann auch verstanden!!! :-)
Man lernt nie aus!
LG

Erik hat gesagt…

Ich fürchte, verehrter U9TA Gründer, Sie haben, in dem ansonsten durchaus zutreffenden Beitrag, etwas übersehen:

"Die soziokulturellen Interferenzen der Flatulenz im albanischen Kleinbürgertum des 13.Jh mit den Anbaumethoden kirgisischen Kunstrasens im normativen Spiegel der dialektischen Neomoderne.", wird wirklich niemanden interessieren, aber:

"Die soziokulturellen Interferenzen der Flatulenz im albanischen Kleinbürgertum des 13.Jh mit den Anbaumethoden kirgisischen Kunstrasens im normativen Spiegel der dialektischen Neomoderne und die Auswirkungen auf die globale Erwärmung.", wird massenweise Leser(innen) der LVP-Fraktion (die Ks sind zu intelligent um sich darauf einzulassen, wer die Ps sind dürfte klar sein) anziehen, welche Kommentare in bisher nicht erreichter Menge absondern werden. Meiner unmassgeblichen Meinung nach, ist das gezielte Streuen von vorbelasteten Reizworten in langen Überschriften wichtig um Leser(innen) aus der LVP-Zielgruppe anzulocken. Der VP-Anteil ist auch solvent genug, um den guten Zweck von U9TA zu unterstützen.

MUMN (um die Anglophoben nicht zu verschrecken), natürlich. ;)

Daniela hat gesagt…

Ich hoffe auch ,dass alle Beiträge so bleiben.Schließlich sind alle sehr lesenswert.Ich freu mich immer,wenn es etwas Neues gibt.

U9TA Gründer hat gesagt…

Das Problem an vorbelasteten Überschriften ist leider auch dass sie eine Menge treuer Leser abwimmeln könnten. Schließlich wird U9TA dzt zB von Menschen aller poltischen und religiösen Glaubens- & Nichtglaubensrichtungen gelesen. Schön langsam komme ich dahinter warum Technovelty zB sich lieber mit Technik auseinander setzt. Der Umgang mit Lasern erscheint unkomplizierter als der mit Lesern...