17.03.2008

China, Tibet, Olympia und die Moral

Wenn die hiesigen Medien die tibetische Sau durchs Dorf treiben haben sogar andere wichtige Dinge auf einmal Pause, wie zB welches Kaff Obama oder Clinton schon wieder gewonnen haben oder warum alle Manager sozial und ethisch verkommen sind. Nichtsdestotrotz: die Unruhen in Tibet und die kommende Olympia sind ein trefflicher Anlass für eine internationale Welle der Heuchelei...

Tibet, Myanmar und soweiter
Viele Jahre haben bereits an der chinesischen Mauer gezerrt seit Tibet ziemlich unfreiwillig nach häßlichen gewaltsamen Auseinandersetzungen Teil des chinesischen Reichs wurde. Und seit ebenfalls sovielen Jahren wollen die Tibeter natürlich unabhängig werden. Da die Tibeter auch nicht auf der Bihun Suppe dahergeschwommen sind wollen Sie natürlich die internationale Aufmerksamkeit, welche die kommende Olympiade in Peking voranleuchtet, für ihre Anliegen nützen .

Medien & Bloggerszene
Und nachdem sich die Medien nach den geschlagenen russischen Wahlen ausreichend über den Undemokraten Putin ausgekotzt haben werden wohl nun eine Weile (verhalten, aber doch) China und Tibet dran sein. Und in der Bloggerwelt werden die Free Tibet Banner wie die Shitake Pilze aus dem Boden (und ins Kraut) schießen, und dann nach ein paar Wochen still und heimlich wieder beerdigt wenn damit kein Traffic mehr zu erzielen ist, denn beim Taschengeld (Sackgeld) hört sich die Solidarität auch irgendwann auf.

Moral zuhause
Natürlich werden wir bald eine Menge öffentlichrechtlicher Laberrunden und kritische Dokumentationen im Fernsehen bekommen. Politiker werden sich vor hingehaltenen Mikrofonen bestürzt, besorgt und empört zeigen, je nach populistischem Selbstanspruch und Sender. Und natürlich werden auch Politiker, selbsternannte Intellektuelle und die einschlägigen Verdächtigen mit vollem Ernst die Forderung aufgreifen die Olympiade in Peking zu boykottieren (etwas was zB der sensible Qualitätsblogger Reto Fischer nur rhetorisch macht).

Moral im Auswärtsspiel
Während also Politiker unterstützt von den Medien zuhause im eigenen Land rund um Tibet den starken empörten Max machen sieht es dann üblicherweise gaaanz anders aus wenn diese Politiker dann in China vor Ort beim Staatsbesuch sind. Da wird dann mit dem implantierten Lächeln in die Kamera gegrinst, die schweißenden Staatsoberhände für die Fotografen gedrückt und bei der Pressekonferenz wird dann mit ernster Miene der rituelle Satz "Natürlich habe ich die Frage der Menschenrechte in aller Klarheit angesprochen" zum Besten gegeben. In Wahrheit wurden aber dann doch wieder Verträge unterzeichnet bei denen die Chinesen für kleines Geld westliche Technologie erhielten und dafür im Gegenzug giftiges Kinderspielzeug liefern dürfen.

Politische Einmischung & Ländergröße
Es ist ja verdammt schwer so einem wahnsinnig wichtigen Wirtschaftspartner so richtig demonstrativ böse zu sein, noch dazu wenn so ein Land wie China dann zB auch noch militärisch ziemlich bedrohlich ist. Beim kleinen unbedeutenden Österreich reichte es zB um die Jahrtausendwende dass sich der Wähler nach 30 Jahren mal für keinen sozialistischen Kanzler entschied um ganz Europa zu Sanktionen zu treiben (und ein paar Länder gleich mit). Das kann man so mit China natürlich nicht machen. Außerdem ist eine Regierung ohne Sozialdemokraten viel gefährlicher für die Menschenrechte, den Weltfrieden und die ganze Galaxis als ein paar Meinungsverschiedenheiten im ja ohnehin grosso modo ja doch ganz naja friedlichen Tibet, oder nicht? Ethik & Moral muss man sich dann schon leisten können. Und im Umgang mit China wird die moralische Empörung halt dann zuhause zelebriert, weil in China wollen wir ja dann eine Menge Medaillen. Und Geld. Und natürlich eine Menge Aufträge für die Wirtschaft...
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(Bild: geralt / Pixelio / redaktionell und kommerziell)

16 Lesermeinungen:

Erdge Schoss hat gesagt…

Wir haben es hier, werter Herr Rick, mit der klassischen Werteabwägung zu tun, was, da sollten wir mit akkurat durch die eurozentrische Sehhilfe schielen, niemandem die persönliche oder generelle Betroffenheit respektive die dazu passenden Floskeln nimmt - kann jeder jederzeit, weiß man ja -, wischt sich den Mund ab und kümmert sich flugs wieder um die Geschäfte. Dabei sein ist alles.

Herzlich
Ihr Erdge Schoss

kopfchaos hat gesagt…

..... ich teile die meinung, die du werter Rick, hier kundtust, zum teil, ich für meinen teil werd' olympia in peking boykottieren, zumindest fernseh-technisch, dies aber ned weil china so arb pöse is', nein, seit jahren halte ich mich von olympia fern, denn das IOC hat für mich im sinne der weltumspannenden organisation etwas mafiöses.....
..... ws sind in den letzten jahren ja auch immer wieder mehr oder minder erhärtete gerüchte aufgetaucht, dass gewisse funktionäre sich haben schmieren lassen, respektive ihre stimme bei der vergabe von spielen verkauft haben sollen.....
..... da wär's doch ehrlicher gleich eine auktion zu veranstalten, dass die orte, welche olympische spiele abhalten wollen, sich das offen kaufen können.....

..... wer hierzulande meint, dass mit einem boykott der spiele im jetzigen modus politik oder gar wirtschaft dahingehend beeinflusst werden kann nimmer pöse zu sein, dem is' schlicht und einfach nimmer zu helfen.....

..... ihr wollt ein freies tibet, ein freies burma/myanmar.....?
..... dann befreit doch erst ma' nordirland aus den fängen der briten.....!
..... sìnn féin.....!
..... slaìnté.....

dan hat gesagt…

Trefflich, lieber Rick, genauso ist es!

Doch Hilfe naht, wenn auch ungebetene. So verfüge ich für mich nun mein persönliches Konsum Embargo...

Rick hat gesagt…

IOC Funktionär müsste man sein, gutes Kopfchaos, wobei man schon fragen muss ob die armen Leute mit den Gefälligkeiten die sie natürlich nicht erhalten wirklich immer die 4 Jahre zwischen den Nominierungen anständig überleben können oder doch in nur bescheidenem Luxus darben müssen, gefüttert von der jeweiligen nationalen Sporthilfe aus Steuergeldern.

Ob Nordiren, Basken, Sinti & Roma usw usf, es gäbe genug über das man auch vor der Haustüre moralisieren könnte. Aber Tibet ist weit genug weg um Bilder zu zeichnen die keiner nachvollziehen kann. Das macht Tibet so dankbar für die Medien...

Rick hat gesagt…

Werteabwägung, mein Wortgigant Schoss, ist natürlich noch viel trefflicher und kraftvoller als die laue Gewissensfrage. Ich werde nächsten Samstag vormittag wenn in Unterneuntupfing wieder guerilla parking angesagt ist dem hirnlosen Parkplatzgegner der mich schneidet nicht mehr kopfschüttelnd begegnen, sondern ihm eine Ordentliche scheuern. Meine Werteabwegung sagt mir dass Sicherheit im Straßenverkehr ein höheres Gut ist als ein klitzekleiner gewaltsamer Eingriff in persönliche Rechte mit meiner persönlichen Rechten...

Rick hat gesagt…

So muss es sein, lieber Dan. Und als Zeichen gegen die kolumbianischen Drogenrebellen solltest Du nur mehr mit ausgewanderten liebreizenden Exilkolumbianerinnen verkehren. Ich denke das sollte sich machen lassen...

blogsgesang hat gesagt…

Was China in Tibet macht, tun die USA schon lange in Irak und Afghanistan. Das macht das chinesische Vorgehen nicht besser, sondern zeigt nur, wie Großmachtpolitik Probleme schafft statt sie zu lösen. Mehr:

http://www.blogsgesang.de/2008/03/17/fremde-heilsbringer-in-tibet-wie-in-afghanistan/

Erdge Schoss hat gesagt…

Optimal, werter Herr Rick, so funktioniert Deeskalation auf Maximalniveau!

Herzlich
Ihr Erdge Schoss

Helmut hat gesagt…

Lieber Rick, deine Ausdrucksweise ist immer wieder erfrischend und wenn ich z.B. an das "implantierten Lächeln in die Kamera gegrinst, die schweißenden Staatsoberhände für die Fotografen gedrückt" denke hast du mir trotz ernster Thematik wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
LG, Helmut

u_42 hat gesagt…

...wer immer noch der Meinung ist,daß tibetanische Mönche,nur wegen versiegender Spenderquellen dem Hungertod geweiht sind,der irrt gewaltig.
Dem budhistischem Verständnis sind Kommunismus,Konqueriasmus,Blasenschwchwäche von Herrn Bush...etc. vollkommen egal.. :-D
Budhismus ist keine Religion,kreuzzugsauslösende Faktoren sind rein monetären Ursprungs,insofern gebe ich Dir,lieber Rick,vollkommen recht...es handelt sich hier um eine reine Provokation des unwissenden Pöbels..und zwar nur,um abzulenken vom weltwirtschaftlichem Zusammenbruch.
Wer denkt,daß China,das Land der neuen wirtschaftlichen Träume ist,der wird alsbald eines besseren belehrt,denn dort baut sich eine Wirtschaftsblase ungeheurem Umfanges auf,gegen die die von Thailand in den Neunzigern,ein netter Spaß ist.
Die übergroße Masse der Chinesen besitzt kein Geld zur Läusesalbe,geschweige denn für die Segnungen des west-oder nordeuropäischen Schrottes,der unsere Kaufhäuser schon seit langem verseucht..

Rick hat gesagt…

Ab und an, werter Herr Schoss, ist die Peacemakermethode immer noch die Beste, erspart sie einem doch diese typischen sinnlosen Diskussionen danach. Nicht umsonst sagt der Volksmund Auf einen groben Kloß gehört ein grobes Beil.

Rick hat gesagt…

Was wäre die Politik friedlicher, lieber Helmut, wenn die Herrschaften bevor sie den Mund öffnen zuerst mal Dein asiatisches Entspannungsdings lesen würden.
Aber man frägt sich ja grundsätzlich wie die das so hinbekommen: auf Kommando sobald die Kamera on air ist demonstrativ betroffen, siegessicher oder gekünstelt staatsmännisch zu gucken. Vermutlich bekommen die bei der Amtsübergabe irgendwas reinoperiert. Und mit dem Alter erschlaffen dann die Drähte. Sieht dann ungefähr aus wie Heiner Geißler...

Rick hat gesagt…

Konqueriasmus, werter u_42? Unterneuntupfing Aktuell wird oft vorgehalten zu sehr an der breiten Masse vorbeizuschreiben, Deine Kommentare tragen gottseidank dazu bei dass dies auch so bleibt ;)

Wie auch immer, Blase in China ist natürlich eine interessante Prophezeihung. Bislang hieß es ja immer wenn die Wallstreet hustet liegt Frankfurt mit Grippe im Bett. Wenn in China was platzt wird das sicher seine Auswirkungen haben.

Die historische Schuld trifft wie bereits beim nach Moskau exportierten Lenin natürlich die Deutschen. Hätten sie die deutschen Gewerkschafter samt deren Knowhow nach China geschickt anstelle der Ingenieure wäre das für die Welt deutlich besser gewesen. China vielleicht ausgenommen...

antoine hat gesagt…

Von den Konalisten wurden den Chinesen die Lektion verpasst: Das nur derjenige der stark und mächtig ist, unabhängig sein kann.
Kann wurde von den Europärer und Amerikaner nicht besonders gut behandelt. Die Volksrepublik entstand gegen den Willen der Westmächte.
So ist es nicht verwunderlich wenn die Chinesen alles unternehmen, um die Einheit des Staates zu wahren. In der Vergangenheit spielten die Kolonialisten immer die verschieden Volksgruppen gegeneinander aus.
Die Niederschlag des Boxeraufstand wahr keine Zeichen von humaner Grösse und Zivilisation.
Anstatt das der Westen die Chinesen kritisiert, sollte Er Ihnen für das Lernen der Historischen Lektion gratulieren.
Arbeitslose Gutmenschen sollten besser die Klappe halten oder wenn Sie es nicht lassen können, die USA, die moralische Führungsmacht zur Aufgabe der Kindergefängnisse bewegen. Ich habe abundzu den Eindruck, dass es nichts schlimmeres gibt als die moralische Verlogenheit 'unserer' politschen FührerInnen.

Rick hat gesagt…

So gedreht, Antoine, ist der Westen natürlich kaum in einer Position um mit dem empörten Finger auf China zu zeigen, wegen Menschenrechte und so. Ungeachtet dessen was Kolonialreiche so angerichtet haben hat jedes westliche Volk in der Geschichte selbst genug Dreck am Stecken. Und was die Meinungsfreiheit betrifft: man zweifle hierzulande mal öffentlich an der Klimakatastrophe oder erwähne irgendetwas das während der 1930er trotz Hitler positiv gewesen wäre und man wird schnell die Grenzen der Meinungsfreiheit spüren.

Was das Lernen am Chinesischen betrifft hätten allerdings gerne über 100 Mio Chinesen alleine die Phase mit Mao sicherlich ganz gerne übersprungen...

Christian hat gesagt…

Salve
Seid mir nicht böse, aber die Welt hat sichtlich nichts gelernt aus den olympischen Winterspielen 1936 und wird auch nichts aus den Sommerspielen 2008 lernen. Mit einer kleinen Ausnahme... es wird wieder ein paar unverbesserliche Weltverbesserer geben, die vergebens dagegen protestieren.

Gruss
Christian