10.03.2008

Gefährliches Gedankenlesen?

In den letzten Tagen erschienen in den Medien wieder einmal mehrere Artikel über die Versuche der Wissenschaft in die Köpfe der Menschen zu blicken. Dorthin wo der Mensch seine wahren Gedanken verbirgt. Doch wäre unsere in Lug, Trug und Schein wohlgeordnete Welt wirklich zu ertragen wenn wir immer wüssten was der andere denkt?

Gehirngucker & Gedankenleser
Die Gedanken anderer (auch gegen deren Willen) zu lesen beschäftigt die Wissenschaft schon länger als selbige so heisst. Zum aktuellen Stand der Forschung gab es zuletzt u.a. bei Die Presse ("Anderen ins Gehirn schauen") oder etwa in der NZZ ("Der Traum vom Gedankenlesen") neues Altes zu lesen. Lügendetektoren hin, Gehirnstromanalysatoren her - die Wissenschaft ist trotz Abermillionen Steuergeldern für die Forschung bei diesem Thema noch immer sehr vage und großklotzig unterwegs.

Miniaturisierung & Alltagstauglichkeit
Natürlich hat man längst Werkzeuge mit denen man Messbares interpretierbar machen kann. Aber man braucht dazu noch eine Menge klobiges Gerät. Insbesondere wenn man die Gedanken des anderen gegen dessen Willen lesen will natürlich ein hinderlicher Umstand, selbst der dämlichste Mensch wird vermutlich leichtes Misstrauen entwickeln wenn man ihm eine verdrahtete Kopfhaube aufsetzen möchte, einfach so. Daher findet auch ein Großteil der Gedankenleseforschung in Friseursalons statt wo die Apparaturen als Trockenhauben getarnt werden. Allerdings leidet diese verdeckte Forschung häufig unter der schlichten Gedankenwelt der unfreiwilligen Probantinnen.

Partnerschaftliches Mindscreening
Natürlich machte die Fähigkeit des Gedankenlesens manchmal durchaus gesellschaftlichen Sinn, z.B. wenn es gilt Verbrechern den Ort des Entführungsopfers oder die Mittäter zu entlocken. Sicherlich Gift ist Gedankenlesen aber wohl in der Partnerschaft, wie z.B. Die Welt letztens unter "Wer immer ehrlich ist, gefährdet die Liebe" berichtete. Möchte ER wirklich lesen können wenn SIE sich innerlich frägt "Findet er meine schwabbelige Cellulitis immer noch sexy?", und vor allem möchte ER wirklich auch die ehrliche Antwort in IHR lesen wenn er sich insgeheim in Gedanken fragt "Und, war ich gut?".

Zeitersparnispotential
Man sollte technische Hilfsmittel zum Gedankenlesen vermutlich nicht per se ablehnen, bei allen Gefahren. Gerade wer zB als Autor tätig ist wünschte sich oft ein Hilfsmittel das die widerwärtig anstrengende Arbeit abnehmen würde ein wirres Konvolut von Gedanken und Ideen geordnet auf Papier zu bringen, oder noch besser gleich in den Rezipienten. Wäre es nicht leichter sich mal schnell den Brainscanner ins Ohr zu stopseln und per USB die Hausarbeit, den Roman oder den Business Plan ins Notebook rieseln zu lassen? Oder gleich dem Leser die Gedanken per Speicherkarte ins Nasenloch zu stecken, für den Fall dass er oder sie dort die passende Schnittstelle implantiert hat (und die Nase keinen Overflow hat)?

Verwertbarkeit
Eine derartige Technologie hätte sicherlich mannigfaltige Chancen zur Verwertung. Die Pornobranche wäre sicherlich interessiert an den vielen schmutzigen Gedanken die Menschen derzeit noch (gottseidank?) dann doch bei sich behalten. Google würde sicherlich rasch herausfinden wie man das Gedankenlesen mit kontextsensitiver Werbung hinterlegen kann. Und im Fussball würde man den Elfmeter auf den Fünfmeterpunkt legen, schließlich muss irgendwie ausgeglichen werden wenn ein Tormann schon lesen kann wohin der Schütze gedenkt den Ball zu versenken wenn seine Motorik mitspielt...
___

Weitere Artikel zu Mensch, Wissenschaft & Forschung:
Energiequelle Mensch effizienter nutzen
Schwarmblödheit
Von Geomanten, Geokomikern und Geldadern

(Bild: thesaint / stock.xchng / Royalty free)

10 Lesermeinungen:

Erdge Schoss hat gesagt…

Wieder einmal, werter Herr Rick, haben Sie aus unglaublicher Entfernung genau getroffen, denn auch diesmal wird der Gobalerotikhandel Triebfeder des Fortschritts sein.

Halleluja
Ihr Erdge Schoss

Rick hat gesagt…

Und die weltweit erste, sinnlichste und zugleich geistvollste Gedankenlesung, werter Herr Schoss, wird dereinst sicherlich im Kurshaus Ginsheim stattfinden. Und den weihevollen Ort immer noch mehr füllen als Tokio Hotel es imstande waren.

dan hat gesagt…

Man müsste zuerst den Gedanken referenzieren, damit der Ursprungsgedanke immer nachverfolgbar bleibt.
Dem Lesen desselben gewähre man freien Zugang.

Nachgedachte Gedanken sollten daselbst entdeckt, markiert und mit einem Kopierknöllchen Gebührenpflichtig werden können.

Gedankenlose - (die Mehrheit?) in eine Lotterie gesteckt, wo Gedachtes verlost oder verlottert.

Das Thema, lieber Rick, müsste konsequent an - & durchdacht werden, oder so...

Antoine Kuske hat gesagt…

Wenn es um das Füttern, Spazieren, und Leckerlis geht, entwickelt unser Hunde erstaunliche Gedankenlesefähigkeiten.
Seit Faustens Tage, geht es um des Pudelskern. Der Empirik zu liebe müsste die Wissenschaft endlich auf den Hund kommen.
Mich bewegt alleine die Frage, wie ich zu Forschungsmillionen für Hundefutter und Leckerlis komme.
Spass bei Seite: Gedankenlesen wird mit materiellen Apparaturen nie klappen. Wie Platon schon sagt: Die Gedanken liegen in der geistigen Welt – im Logos. Weil alle Menschen dessen (Logos) teilhaftig sind, gibt es so etwas wie das fassen von ähnlichen Gedanken im gleichen Augenblick.

Erdge Schoss hat gesagt…

Wenn dem so sein sollte, werter Herr Rick, woran ich selbstverständlich nicht den leisesten Zweifel habe, werden wir Sie höchstpersönlich mit einem Fluggerät einfliegen lassen, das alles andere ist als eine betagte Turboprop ...

Herzlich
Ihr Erdge Schoss

Rick hat gesagt…

Du hast natürlich recht, lieber Dan, und gerade an Gedankensplittern kann man sich ziemlich verletzen. Und natürlich muss man dann unterscheiden zwischen Vor-, Quer- und Nachdenkern. Und bei Fremddenkern wird der Gesetzgeber sicherlich über Urheberrechtsabgaben nicht nur nachdenken. Bei Chronometerherstellern kommen dann noch Uhrheberrechtsabgaben dazu...

Rick hat gesagt…

Faszinierende Gedanken, werter Antoine. Einen Pudel entkernen ist eine mühsame Sache, und mindestens genauso rot wie Granatapfel entpulen.

Erschütternd ist ja dass die breiten Masse hinter Logos immer noch bloß Markenzeichen von Gucci, Lacoste und Co sehen. Dabei stünde da ja viel Denkwürdigeres dahinter dessen man sich stets eingedenk sein sollte.

Rick hat gesagt…

Wie schon Denk Schau Ping gesagt hatte, werter Herr Schoss, ist es belanglos ob eine Muschi schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt sich Läuse. Und es wäre eine bombastische Ehre für mich bei der Ginsheimer Gedankenlesung zugegen zu sein.

bee hat gesagt…

Lieber Rick,
rund 4 Millionen Analphabeten in Deutschland bringen mich zu der Frage, wie Gedankenlesen möglich ist, wenn schon das kleine ABC ein grosses Rätsel ist?
Haben es doch viele Leser noch nicht mal bis zum einfachen Komma geschafft. Die Zunahme der Kommasäufer spricht Bände (in meinen Augen Bibliotheken)!

Rick hat gesagt…

Danke, lieber Bee, dass Du hiermit wohl ein bislang ungeklärtes Phänomen gelöst hast. Diesem Revolverblatt wird ja immer wieder vorgeworfen mit der Interpunktion viel zu spartanisch umzugehen. Es ist nicht unsere Schuld, es sind wohl die Kommasäufer die hier immer wieder die Beistriche wegplätschern...