12.04.2008

Böse Privatisierungen

Die Privatisierung von Staatsbetrieben wird immer besonders brachialverbal in Internetforen debattiert. Möglicherweise auch, weil viele Mitarbeiter der Privatisierungskandidaten an deren Arbeitsplätzen mit unwichtigen Aufgaben wie zB Dienst an Staat & Kunde nicht besonders belastet sind, und sich somit während der Arbeitszeit entsprechend dagegen einbringen können. Über Privatisierungsmythen und desaströse Folgen...

Privatisierung am Fall Staatsbahnen
Besonders schön lässt sich Verstaatlichung vs Privatisierung am Beispiel Staatsbahnen beschreiben. In den deutschsprachigen Landen herrscht seit Generationen das Wissen, dass Straßenverkehr, Wasserverkehr, Luftverkehr und Datenverkehr durchaus privat sein können, aber Schienenverkehr kann nur mit defizitären Staatsbahnen sinnvoll betrieben werden, wobei 90% der Beschäftigten dieselbe Partei wählen müssen und die Bahn eigentlich von starken Gewerkschaften geführt werden müssen, die sich einen Vorstand als Buhmann halten. Das ist ein Naturgesetz das schon bekannt war bevor es überhaupt noch Lokomotiven gab.

Oft wird in dieser Angelegenheit das Argument angeführt Betriebe müssen wegen der Versorgungssicherheit verstaatlicht bleiben. Das Missverständnis dabei ist dass damit eigentlich nicht die Versorgung der Bevölkerung gemeint ist, sondern die Versorgung der Politiker die damit Infrastrukturpolitik spielen können, die Versorgung von Parteigünstlingen, der (Bahn)gewerkschaft und einer Menge von sonstigen Leuten die nirgendwo anders unterkamen. Wie auch immer, Privatisierungen sind natürlich ein Übel, und es hat ja schon eine Menge ganz scheußlicher Beispiele dafür gegeben.

Negatives Privatisierungsbeispiel Schweiz
Denken wir zB an die Schweizerischen Bundeskäsereien. Seit deren Privatisierung ist in der ganzen Schweiz kein Käse mehr zu bekommen, und das was als Käse verkauft wird ist meistens geschmolzenes chinesisches Spielzeug. Private Käsekonzerne haben die ganzen Almen und Berghöfe verlottern lassen, wo früher noch imposanten Gletscher und prachtvolle Bergkulissen waren ist ein großer Teil der Schweiz heute kaum mehr höher als Holland, das ganze Raclette Knowhow wurde nach Asien verschachert. Arbeitsplätze wurden vernichtet, die meisten der früheren staatlichen eidgenössischen Käsemeister müssen heute als Kunstrasenflechter in Rumänien über die Runden kommen.

Negatives Privatisierungsbeispiel Deutschland
Oder denken wir an die Privatisierung der Deutschen Bäckerei. Liberalisierung des Backwesens und Wettbewerb sei die Hefe für die soziale Backwirtschaft, so hieß es, aber man hätte den Teig nicht vor dem Abend laiben sollen. Seitdem ist die Vielfalt und die Versorgung mit Brötchen nahezu zusammengebrochen, selbst beim Diskonter kostet das Brötchen mehrere hundert Euro ,wodurch viele Hartz4-Empfänger zu billigerem Alkohol oder Zigaretten greifen müssen. Der Brötchenmarkt wird von profitgierigen Kleinbäckereigroßkonzernen dominiert, und die meisten privaten Bäckermeister fahren sowieso mit dem Maybach zu ihren Gesellen in die Backstube. Ein Umstand der nicht so bekannt ist, weil um 01:30 morgens die meisten Deutschen entweder noch nicht wach oder nicht mehr nüchtern sind.

Negatives Privatisierungsbeispiel Österreich
Schlimm auch die Privatisierung der Österreichischen Bundes Beiseln (ÖBB) welche die alpenländische Wirtschaftshauskultur völlig vernichtet hat. Sie können heute in Österreich quasi gar nicht mehr öffentlich Essen gehen. So gesehen sind die Rauchverbote eigentlich totes Recht, weil es nach der Privatisierung sowieso keine Gaststätten mehr gibt, und die sind alle in der Hand von raffgierigen ausländischen Konzernen. Und wenn sie ein Wiener Schnitzel bestellen dann wird das sicher von indischen Kinderhänden in Kalkutta mit dem was man dort so hat paniert. Und anschließend über den Ganges und die Donau an den Tisch geschwommen.

Medien, Zeitungen, Blogs wieder verstaatlichen
Privatisierungen sind grundsätzlich böse. Noch böser sind unabhängige Medien oder gar Wirtschaftsfachblätter die das Gegenteil behaupten. Die Privatisierung aller Medien (Film, Funk, Fernsehen, Internet) hat dazu geführt dass die Bevölkerung nicht mehr sicher mit richtiger Wahrheit versorgt werden kann. Medien sollten für die Meinungsfreiheit, die Demokratie und die soziale Sicherheit wieder verstaatlicht werden. Samt den Bloggern und freien Journalisten natürlich. Denn nur öffentlich kontrollierter Gedankenverkehr schützt uns sicher vor dem Rauchbierkapitalismus...
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Weitere Artikel zum interessanten Wirtschaftsverständnis der Allgemeinheit:
Wirtschaftsabsiedelungspolitik
Der hilflose Umgang mit Steuerflüchtigen
Beschäftigungsgarantie für alle!

(Bild: chidsey / stock.xchng / Royalty free)

10 Lesermeinungen:

antoine hat gesagt…

Langsam sollte man sich damit abfinden, dass das Feudalsystem samt seinen Pfründen noch nicht abgeschafft wurde.
Von irgendetwas müssen die staatlich besoldeten Hofschranzen in ihre Parlamenten auch leben können ;-)

Rick hat gesagt…

Ja, die Feudalsysteme. Aus dem Herrn Graf wurde der Herr Sektionschef, aus Gottes Gnaden wurde Partei Gnaden, aus Herrscherfamilieninzucht Partei- & Gesinnungsinzucht. Und wie immer bei Inzucht Überzüchtung, und ein wenig Plemplem nach Generationen.

Abseits dessen musste das gemeine Volk früher nur den Zehent abdrücken, es gibt viele Regionen im deutschsprachigen Raum wo man für so eine niedrige Abgabenlast gerne wieder einen durchgeknallten Landvogt in Kauf nehmen würde der auch nicht mehr kaputt machen kann als das was wir jetzt so haben...

dan hat gesagt…

Die Käseprivatisierung in der Schweiz hat auch sein Gutes.
Der Staatliche Käsevermarktungsverband projektierte die schmelzenden Gletschermassen mit Käse zu ersetzten. Die Abgabe von staatlich subventionierten
Fonduegabeln an den Bergbahnstationen hätte zu einer unvorstellbaren Gewichtszunahme der Käsewanderer geführt. Nicht zu vergessen die Geruchsimissionen bei Fönlage.
Die SVP Lobby der Brotlieferanten schliesslich kippten das Projekt, da Pizza- und Kebaböfen zu neuerlicher Ueberfremdung geführt hätte.
Da hat man kurzerhand die Käseproduktion privatisiert.
Schade eigentlich...

bee hat gesagt…

Hallo Rick,
"Medien, Zeitungen, Blogs wieder verstaatlichen" ... Bedeutet das in letzter Konsequenz nicht, die einzelnen Bürger, die inzwischen im Besitz dieser Produktionsmittel sind, zu verstaatlichen? Aber sind wir das nicht schon längst? Ist die Privatisierung nicht letztlich ein anderes Wort für Verstaatlichung?

Erdge Schoss hat gesagt…

Geschmolzenes chinesisches Spielzeug, werter Herr Rick, ist das nicht giftig?

Herzlich
Ihr Erdge Schoss

Rick hat gesagt…

Ich glaube es fährt nicht mehr ganz so rein wie Ungeschmolzenes, werter Herr Schoss.

Das Leben sowieso schon ein einziges Reality-TV, lieber bee, und wer noch immer nicht genug veröffentlicht ist, der bloggt. Sicherheitshalber. Vielleicht kommt es so weit dass die Leute mal 15 minutes infamous werden wollen, frei nach Herrn Warhol.

Und da kommt noch die Cervelatkrise dazu, lieber Dan. Die Schweiz ist für einen Außenstehenden sowieso kulinarisch zunehmend unübersichtlich. Erkläre mal einem Ausländer dass ein ordentliches Fribourger Fondue gerade im Röstigraben 4 Sorten Vacherin braucht, und die dürfen nicht von schwarzen Schafen kommen...

kopfchaos hat gesagt…

..... werte bee, die verstaalichung des bürgers wird doch bereits vollzogen.....
..... zumindest in deutschland.....
..... denn deutschland händigt seinen bürgern einen personalausweis aus, sprich betrachtet den bürger als personal, und mit dem kann man ja machen was man will.....
..... die schweiz gibt dem bürger immerhin eine identität, sprich man bekommt eine identitätskarte ausgehändigt, und hier is' es ned der staat der mit dem bürger macht was er will, nein hier wird die verballhornung und irreführung des bürgers von den einzelnen parteien erledigt.....

Rick hat gesagt…

Interessanter Gedanke, gutes Kopfchaos.
Dann sind also die Hartzies nichts anderes als dienstfreigestellte Betriebsräte des Staates die trotzdem ihr Gehalt bekommen?

Und die vielen Debatten über das Schweizertum in eidgenössischen Communities, Blogs, Foren rühren vermutlich von einer Identitätskrise her die von der Identitätskarte ausgelöst wurden?

kopfchaos hat gesagt…

..... es is' doch so, werter Rick, HartzIV-bezüger sind doch auch nur berentete staatsangestellte.....
..... und wo's im staate deutschland krankt kann man ja auch an dem namen der rente sehen.....: HartzIV.....
..... weshalb wird dass denn nach einem gerichtlich verurteilten kriminellen benannt.....?

..... und die identitätskrise der eidgenossen wird ned durch die ausgehändigte karte ausgelöst, sondern ebend durch die von den parteien getätigte verballhornung und irreführung des bürgers.....

Rick hat gesagt…

Nunja, wertes Kopfchaos:
...weshalb wird dass denn nach einem gerichtlich verurteilten kriminellen benannt...
Man muss der Fairness halber zugeben dass es heutzutage immer schwerer wird bei der aktuellen Politikerkaste noch einen zu finden der keinen Dreck am Stecken hat wenn man ein Gesetz oder 'Konzept' benennen will...