09.04.2008

Poker: moderne Melkmaschine für einfache Geister?

Kartenspielen boomt wieder. Sei es als Online-Poker im Internet, oder als Fernsehübertragung im Sportkanal. Und natürlich in den Spammails im virtuellen Posteingang. Ist es schiere Langweile der Konsumgesellschaft, die irrige Aussicht auf das große Geld oder bloß ein Finanzspiel für Leute denen Wirtschaft zu kompliziert ist? Und wieviel profitiert die Sonnenbrillenindustrie von der Pokerszene?

Quasilegale Glücksspielindustrie
Glücksspiele, Alkohol, Drogen, Sex, Kunstrasen: die großen Industrien mit denen zwielichtige große Spieler das noch größere Geld machen wollen. Und vermutlich weil der Konsument damit soviel Geld verliert das er nicht mehr über Steuern dem Staat abliefern kann versucht der Staat in der Regel diese Vergnügungen zu verbieten. Ist es ein Zocken am Rande der Legalität wie der Der Westen schrieb?

Zielgruppen
Wer spielt Online-Poker, und zwar mit kaufmännischen Absichten und nicht nur zum Zeitvertreib? Sind es dieselben Leute die anno 1998 groß in den neuen Markt (NEMAX, NASDAQ) eingestiegen sind und dann anno 2002 ein Depot hatten dessen Wert dann nicht viel höher lag als die Gestehungspreise von Pokerspielchips? Börsentaschengeldspekulanten die es satt hatten dass der Broker und die Emittentin immer gewinnt? Oder sind es dieselben Leute die auch im kostenpflichtigen Singlechat oder SMS-Flirt ein Vermögen ablegen, weil sie tatsächlich glauben hinter dem schicken harmlosen Avatar verbirgt sich ein harmloser echter Amateur, und nicht in Wahrheit ein ausgebuffter bezahlter Profi?

Hoffnung
Gier ist einer der verlässlichsten menschlichen Triebe. Ob bei Managern, Politikern, Gewerkschaftsfunktionären, wer nicht mehr durch anständige Charakterwerte motiviert ist kann unbelastet dem Trieb folgen. Oder ist es auch bloß ein Ausdruck von Perspektivenlosigkeit, die Leute mit monetärer Gewinnabsicht an die Online-Spieltisch treibt? Zum Thema Glücksspiel betonen Forscher ja immer wieder dass besonders in Steuerwüsten das Glücksspiel deshalb so boome weil die meisten Menschen keinerlei Aussicht mehr sehen mit einer anständigen (und entsprechend versteuerten) Arbeit je zu höherem Wohlstand zu kommen.

Realitätsfern
Poker lebt davon dass es realitätsfern ist und viele sooo komplizierte Aspekte des täglichen Lebens einfach ausblendet. Zum Beispiel wandert der Einsatz immer in den Pott. Im echten Leben ginge er als Steuer an den Staat, jede Runde, und wer 5 Runden keine Hand gespielt hat wäre alleine deshalb schon pleite weil ihn die staatlichen Gebühren und Abgaben ruiniert hätten. Der Gewinner bekäme am Schluß nur ein Bruchteil von dem Geld das alle als Einsatz mitgebracht hatten, und selbst das müsste er noch versteuern. Beim Rausgehen würde er dann von Autonomen als Reicher verprügelt. Poker muss realitätsfern bleiben, es würde sonst drastisch an Reiz verlieren. Und das Geld muss einfach von der Bank kommen, einfach so, wie der Strom aus der Steckdose und das Essen wächst im Supermarkt, das spiegelt die Wirtschaftskenntnisse der meisten Menschen wieder.

Das Leben ein Spiel?
Vielleicht ist Poker auch nur eine Metapher für das Leben an sich. Täglich hofft man auf eine freundliche Karte des Schicksals die das eigene lausige Blatt aufwertet. Man blufft sich so durch weil man instinktiv spürt: die anderen haben mehr drauf? Und hat man es überzogen muss auch der größte Profi gehen. Das gibt einem den Glauben dass es sowas wie eine langfristige Gerechtigkeit doch im Leben gäbe...
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(Bild: kennz / Pixelio / redaktionell und kommerziell)

7 Lesermeinungen:

bee hat gesagt…

Lieber Rick,
jetzt mal ehrlich ... wie verdienst Du denn Dein Geld? Doch nicht mit Bloggen, oder ;-)

fun-da-mental magazine hat gesagt…

Poker ist eine seriöse wissenschaft!

Rick hat gesagt…

Auf ehrliche Weise, lieber bee. Und genau das kann ich mir zunehmend immer weniger leisten, und außerdem ist das ziemlich ungesund. Und da ich Unglück in der Liebe aber dafür Pech im Spiel habe sind ist als künftiger Erwerbsweg Pokern bei mir ausgeschlossen... ;)

Rick hat gesagt…

Selbstverständlich fun-da-mental. Pokeristik verdient gleich neben angewandter Kunstrasentheorie und empirischer Gurkensoziologie viele staatliche Forschungseinrichtungen...

dan hat gesagt…

Das Pokern ist mein ständiger Weggefährte, allerdings nicht das Kartenspiel. Da halte ich es wie du, lieber Rick.
Und es ist auch ungesund und anstrengend dauernd mit diesem Pokerface herumzulaufen zu müssen. Die Menschen nehmen mich immerzu zu Ernst, deshalb wohl habe ich auch Pech in der Liebe und Unglück im Spiel.Vielleicht hülfe ein chirurgischer Einschnitt, oder so...

Aber die Alterserotik, das Essen, funkioniert noch tadellos...

antoine hat gesagt…

Da fällt mir das alte Pfadfinderlied ein:

Das Leben ist ein Würfelspiel.
Wir würfeln alle Tage.
Dem einen bringt das Schicksal viel,
Dem and´ren Müh´ und Plage.
Drum frisch auf, Kameraden,
Den Becher zur Hand,
Zwei Sechsen auf den Tisch.
Die eine ist für das Vaterland,
Die andere ist für mich.

Rick hat gesagt…

@Dan: man muss vermutlich nur aufpassen dass einen die Alterserotik nicht erodick macht, schließlich hinterlässt ein diesbezüglich ausschweifendes Leben bald mal seine Spuren. Daher auch die besondere Sinnlichkeit gesunder Ernährung...

@Antoine: schöner Kommentar :)
(und Hauptsache nicht die Internationale oder andere Glaubenslieder;)