21.04.2008

Obama gewinnt Gruezikon, Clinton Großkinkerlitz

Stellen Sie sich vor die amerikanischen Medien würden sich dafür interessieren, wie sich die internen Spitzenkandidatenvorwahlen der Grünen, Sozialdemokraten oder Konservativen in Brandenburg, Graubünden oder Burgenland entwickeln? Undenkbar. Umgekehrt interessanterweise jedoch nicht...

Medienlandschaft deutschsprachiger Raum
Es vergeht kein Tag an dem deutschsprachige Medien uns nicht damit beschallen welch Sager sich Herr Obama oder Frau Clinton nicht schon wieder in irgendeinem amerikanischen Kaff geleistet habe, samt Meinungen von Analysten und Experten warum nun der eine Kandidat oder die andere Kandidatin bei den internen Vorausscheidungen nun die hohe Nase vorne hätte. Da die Amerikaner als Volk, wer kann es ihnen verdenken, in Summe nur mäßig Interesse an Politik haben, werden amerikanische Wahlkämpfe längst weltweit geführt. Und es gibt darüber hinaus genug Plattformen wo hiesige Menschen die es eigentlich einen feuchten Kerricht angeht, wen sich die Amis zum Obermotz wählen, ihre eigene Wahl abgeben können.

Schon verständlich dass die deutsche, schweizerische oder österreichische Innenpolitik sachlich nur schwer bis gar nicht von den Medien vermarktbar ist, aber man könnte ja auch mal was über Belgien schreiben? Oder chinesische Vorwahlen? Wenn es welche gäbe.

Präsidentenwahl american flavour
Seit Jahrzehnten ist es in den USA Tradition, dass Republikaner und Demokraten abwechselnd in Schweinezyklen das Land ruinieren dürfen. Wechselt die Präsidentschaft, dann verlassen auch Mann und Maus komplett als Paket das Weiße Haus. Undenkbar hierzulande, wo man jahrzehntelang dieselben teuren Armleuchter am Hals und in den Parlamenten hat, egal was man wählt. Dafür verdient aber dann auch zB der Bundespräsident der internationalen Weltmacht Österreich mehr als etwa der weltpolitisch eher unbedeutende Präsident des Dritte-Welt-Lands USA, das nebenbei.

Häuptlingswahl nach deutschem, schweizerischem oder österreichischem Geschmack
In Amerika ist es üblich dass sich Kandidaten zuerst mal in Vorwahlen in den eigenen Reihen durchsetzen müssen, erst dann darf sich das Volk in der Praxis dann zwischen einem Republican und einem Democrat entscheiden. Soviel Risiko geht man in Deutschland nicht ein. Da wird der Bundespräsident nach den jeweiligen Mehrheitsverhältnissen im Bundestag ausgeschachert (wodurch auch eine Cohabitation nach französischem Muster verhindert wird) und dabei ein Kandidat gewählt den alle Beteiligten als ausreichend harmlos und ungefährlich empfinden. Auch in der Schweiz geht man auf Nummer Sicher, da wird beim Amt des Bundespräsidenten rotiert, damit kein Regierungsmitglied allzu lange Schaden anrichten kann. In Österreich bestimmen jeweils zwei Wiener Altherrenpartien demokratisch wer von den beiden Großparteien kandidiert wird, und die Bevölkerung darf anschließend zwischen Jauche und Gülle entscheiden.

US-Präsidentschaft und die Folgen
Als politisches Lebenswerk von Bill Clinton wird vor allem seine liberale Praktikantinnenpolitik in Erinnerung bleiben. Dann kam Herr Bush. Das gab vielen orientierungslosen Menschen hierzulande jahrelang Lebensinhalt: täglich überschwemmten sie Blogs, Foren, Kommentarteile von Onlinemedien mit belastendem Material gegen die amerikanische Anti-Ikone und das Böse-An-Sich. 14jährige Kids die sich ohne Mutti nicht mal die Schuhe binden können (ein Indiz für weises gereiftes weltpolitisches Generalverständnis) gröhlten ein "Bush is' doof!" in die Kameras der Jugendsendungen. Etliche Leute machten das große Geld mit Bush-Klopapier und ähnlich herabwürdigenden Devotionalien, Herr Moore könnte es sich ohne Herrn Bush heute wohl nicht leisten sich so selten zu waschen.

Viele Leute müssen sich also nach Amtswechsel neu einrichten. Bush-Bashing zB macht, wenn er nicht mehr im Amt ist, nur mehr halbsoviel Spaß. Wenn McCain gewinnt wird es ein wenig langweiliger, schließlich ist der Vietnam-Opa ja eher ein fader Typ, verglichen mit dem Texaner. Gewinnt Obama dann ist zwar für viele hiesige Internetaktivisten und selbsternannte Amerika-Experten wieder die richtige Farbe an der Macht, aber den imperialistischen Klassenfeind einerseits angemessen zu hassen, aber seinen Präsidenten zu mögen, erfordert in den Foren ein paar knackige argumentative Logikbrüche. Die Medien wünschen sich sicherlich den farbigeren Kandidaten der aktuell noch im Rennen befindlichen. Ein Sachpolitiker würde die Quoten ruinieren, und das will doch keiner. Nichts wird sich jedoch ändern an der Tendenz auf die Amis mit dem empörten Finger zu zeigen, lenkt es doch so prima von den Versäumnissen und Missständen vor der eigenen Haustüre ab...
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Weitere Artikel zu Politik, Politikern und Medienritualen:
China, Tibet, Olympia und die Moral
Hugo Chávez: Polit-Ikone oder Pocket-Stalin?
Zur Demokratie erziehen...

(Bild: hlee3787 / stock.xchng / Royalty free)

11 Lesermeinungen:

dan hat gesagt…

Die Medien hierzulande üben damit (ungewollt?) Entwicklungshilfe für EU Wahlkandidaten.
Die einzigen Politiker die sich fortschrittlich zeigen und auch was grenzüberschreitendes lernen wollen, sitzen heute Abend in Wien hier zusammen

Rick hat gesagt…

Es kann Dir gar nicht hoch genug angerechnet werden, lieber Dan, dass Du als Link eine neutrale APA-Meldung gewählt hast, und nicht stattdessen einen Jubellink der einen oder einen Brandmarklink der anderen... ;)

Erik hat gesagt…

Es wäre trotzdem interessant zu sehen, wenn sich die Politiker(innen) in Europa erst in "Primaries" bewähren müssten, bevor man sie vor die Nase gesetzt bekommt. ;)

Für das beste Satireblatt im Internet (Ernst gemeint) wäre das doch Futter für dutzende von Posts.

antoine hat gesagt…

Wie sagt doch der Showmaster: No time ist like Showtime!

Rick hat gesagt…

Das mit Primaries, Secondaries etc (oder auch 'Gewerbeprüfung für Politiker') hat natürlich vollste Zustimmung, lieber Erik.

Wie wäre es mit einem vielstufigen Casting, (nicht nur) Deutschland sucht die Superpolitiker (und der darf dann Herrn Raab verprügeln).
In der Jury sitzen dann ein mittelständischer Unternehmer, eine 40 Std/Woche Frisöse mit 2 Kindern und ein ehrenamtlicher Leiter eines Behindertenhilfswerks (also alles was nicht in den Parlamenten sitzt). Und natürlich ohne friendship tickets die ein Rauswählen verhindern...

Erdge Schoss hat gesagt…

Jauche hin, Gülle her, werter Herr Rick, Sie haben immerhin die Gelegenheit zu wählen.

Nastrovje
Ihr Erdge Schoss

Rick hat gesagt…

Natürlich haben Sie recht, werter Herr Schoss. Es macht dann schon einen Unterschied ob einem der Dung Unterkante Unterlippe oder Oberlippe steht...

bee hat gesagt…

Unsere eingefahrenen westlichen Wahlsystemrituale erscheinen gegenüber der modernen russischen Einmanndemokratie angestaubt und verkrustet. Müssten sie aber nicht sein! Besinnen wir uns wieder auf unsere urdemokratischen Tugenden. Als da wären: Die Sommerschlusswahl, das Frühwähler-Bonussystem, die "Alles muss raus" Wahlwochen, der Lastminute Kandidat, etc...
Es funktioniert. Sie müssten es nur konsequenter anwenden. Konsequent!

Rick hat gesagt…

Ein guter Ansatz, lieber Bee. Und keine soo große Umstellung, weil etwa "3 zum Preis von 20" haben wir ja bereits schon...

Herschel hat gesagt…

sehr richtig. ich frage mich auch, inwieweit sich die leute, die jetzt schon groß "obama for president" skandieren, überhaupt mit der materie beschäftigt haben...

Rick hat gesagt…

Es scheint, Herschel, als sei Politik für viele Menschen so etwas wie die bedingungslose Zugehörigkeit zu einem Sportfanklub. Es gibt wahrscheinlich genug Leute die auch einen Müllsack als Kandidaten wählen würden, solange er nur die richtige Parteifarbe besitzt...