01.05.2008

Tag der Arbeitsverweigerung

Der 1.Mai ist ein wichtiger sozialistischer Feiertag im Jahr. Wie bei allen Glaubensprozessionen werden dabei traditionelle Rituale & Gebräuche vollzogen, auch solche die Glaubensfremden nicht nur auf den ersten Blick stets fremd bleiben. Daher ein Versuch der Erklärung dieser kulturellen Riten...

Erklärungsnot irdische Gewohnheiten
Was nicht so bekannt ist - Unterneuntupfing ist auch ein beliebter Weltraumhafen für Billigshuttles aus anderen Galaxien. Besucher die auf der Suche nach intelligentem Leben sind wollen idR auf unserer Erde begreiflicherweise keine unnötige Zeit verschwenden, aber dennoch nutzen intergalaktische Passanten dann doch mal die Zeit um zur Überbrückung der Wartepause auf den nächsten Anschlußslipstream die Einheimischen über ihre kulturellen Gebräuchlichkeiten zu befragen. Die Antworten fallen auch hartgesottenen Unterneuntupfingern nicht immer leicht, schwer zu vermitteln ist zB warum bei Frohnleichnam keine frohen Leichen die Prozession begleiten.

Tag der Arbeit
Der Tag der Arbeit ist weltweit ein wichtiges Fest der sozialistischen Glaubensgemeinde. In vielen Ländern ist der besagter Tag auch gleichzeitig ein arbeitsfreier Tag, was kein so großer Logikbruch ist. Schließlich leiden unter dem Muttertag ja auch die Mütter am meisten, und jeder Weltantialkoholtag wird regelmäßig von ausschweifenden Protestsaufereien begleitet.

Aufmarsch
Unverzichtbarer Teil jeder 1.Mai-Feier sind Aufmärsche, durch Städte, meist vorbei an Podesten wo durchaus wohlgenährte Spitzenfunktionäre der Bewegung die Parade abnehmen, so ähnlich wie man das von den Paraden an der Kremlmauer kennt. Dort ist es dann Brauch dass die Priester des Gesinnungskreises (allesamt mit üppigen Bezügen ausgestattet, und einem Rentenanspruch für den ein normaler pflichtversicherter Arbeiter bloß 280 Jahre arbeiten müsste) in flammenden Reden gegen die Umverteilung von unten nach oben sprechen, und für Gerechtigkeit bei den Pensionen & Renten. Warum das Publikum eifrig klatscht weiß man nicht so genau.

Erscheinungen
Jede Glaubensgemeinschaft hat auch so ihre Visionen die nur innerhalb der eigenen Religion wahrgenommen werden können (was auch die Festigkeit im Glauben prägt). Ob Marienerscheinungen bei den Katholiken, oder die Visionen des Propheten in anderen Religionen, die Teilnehmer beim Maiaufmarsch hören Signale. Signale die sie auf in den Kampf ziehen lassen. Dabei wird traditionelles Liedgut angestimmt. Im sozialistischen Rosenkranz dürfen dabei szenetypische Beschwörungsformeln wie Soziale Gerechtigkeit, Ausbeutung oder Neoliberalismus nicht fehlen, das würde dem Mantra die Aura rauben.

Freudenfeuer
Gerade jüngere Gläubige kultivieren darüber hinaus Bräuche wie man sie auch zB aus Johannistag oder dem Sächsilüüte kennt, nur mit dem Unterschied dass bei der sozialistischen Variante jüngere Revolutionäre in bestimmten Städten die McDonalds-Filialen des imperialistischen Klassenfeinds gemeinsam abfackeln, statt einem Heuhaufen oder dem Böögg. Der zweite Unterschied ist vielleicht, dass beim sozialistischen Freudenfeuer die Polizisten selten mitfeiern, aber das ist ein unwichtiges Detail.

Fazit
Einem außerirdischen Besucher wird man schwer erklären können, worin eigentlich der Sinn von Klassenkampf besteht, hier auf der Erde gehört er seit über hundert Jahren zur gepflegten Ungeselligkeit. Nichtsdestotrotz werden auch am nächsten ersten Mai wieder überall die roten Fahnen wehen. Bräuche halten sich sehr lange auf diesem Planeten...
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Weitere wichtige Tage im Jahreszyklus:
Ostern - Zum Glauben bekehren
Die Helden vom Weihnachtsnotruf
Denk-nix-Tag

(Bild: Anarchosyn / Flickr / CC-BY SA)

11 Lesermeinungen:

dan hat gesagt…

Heute, lieber Rick, wäre der Erklärungsnotstand besonders krass! Am Röstigraben noch krasser.
So ist gleichzeitig zum 1.Mai auch noch Auffahrt. Die Glaubensgemeinschaft muss also zuerst in die Messe und dann an die Prozession der Gewerkschaft. Ein Spagat sondergleichen.
Dazu kommt, dass zu Monatsbeginn liebesdienlicher Nachschub angekarrt worden ist.
Also muss der geneigte Prothestist, zuerst in die Kirche, dann an die Mai Veranstaltung und schliesslich noch ins Puff!
Wie zum Teufel kann man einem Extraterrestrier klarmachen was und warum hier was passiert?

Rick hat gesagt…

Fällt dieses Jahr, lieber Dan, alles ein wenig dumm zusammen. Die Feiertage der einen und der anderen am selben Tag, und den ganzen Rummel den sie veranstalten bekommt keiner mit weil alle den Fenstertag zum Urlaub nutzen.
In Deiner schönen Stadt unter den kreidebleichen Felsen dann noch zusätzlich Schichtwechsel in der Unterwachsenenerhaltung, na bumsti.
Und in Österreich verfluchen die Priester der einen wie der anderen den Amstettener Familienschänder, weil egal was sie verkünden, auf der Titelseite der heimischen Medien gibt es seit Tagen nur mehr Kellerbilder. Da geht sicherlich auch die Stimmung vieler Verkünder in den Keller...

Ansuzz hat gesagt…

Lieber Rick,

letztlich dienen all diese Feiertage nur einem Ziel....dem FEIERN und dem damit verbundenen Trancesaufen. Nach kurzer Zeit fangen die Teilnehmer an, in fremden Sprachen zu sprechen und seltsame Bewegungen auszuführen. Es lässt vermuten, dass all dies der Völkerverständigung dienen soll. Man weiß es nicht genau.

Ein guten Beispiel hierfür fand ich in französichen Übersetzungen der Worte Schützenverein und Schützenfest. Nun würde der gemeine Bürger vermuten, das Schützenfest sei ein jährliches Ereignis zur Feier eben des Vereines. Hier nun die Übersetzunge:

Schützenverein (Schießclub): Club de tir
Schützenfest: fête du biere

Wir sehen, nicht dem eigentlichen Ziel des Vereines, dem Schießen sondern dem Bier wird Tribut gezollt.

Auch fiel mir soeben beim Laufen durch die Landschaft auf, dass es wohl eher die Nicht-Väter sind, die den heutigen Vatertag begehen. Auch fährt heute keiner gen Himmel...

Lieben Gruß
die Ansuzz

Rick hat gesagt…

Hervorragend liebe Ansuzz, dank Dir hat diese Schnappspostille auch heute wieder ihren Bildungsauftrag erfüllt. Kirchliche oder ideologische Aufzüge - alles Kinkerlitz, Arbeitstitel oder Vorwand für rituelle Beschwipsung (und vermutlich Bekiffung für die wo nix trinken)?
Wahrlich ein Durchbruch in der Forschungsarbeit zur Alkoholsoziologie. Lass uns dazu gemeinsam ein Institut für embierische Feldforschung gründen...

antoine hat gesagt…

Klassenkampf ist eine Initiative von Idioten, die es vorziehen von den Klassengenossen missbraucht, umgebracht und ausgebeutet zu werden und sich nicht mehr mit der Ausbeutung durch den Klassenfeind begnügen wollen.
Der Mensch ist dann glücklich, wenn er sich selber schaden kann.

AkZ hat gesagt…

Hihi, super Artikel! Selten von einem Blogger eine derart treffende Analyse gelesen. Vielen Dank ;-)

kopfchaos hat gesagt…

..... bin heut' schon den ganzen tag am pfeifen oder singen der peppon'schen lieblinsmelodei.....
..... dazu möcht' ich gleich ma' auf zwei meiner blogposts verweisen.....:
- nummer 1
- nummer 2


..... ausserdem is' es dieses jahr gar arg schlimm mit der zusammenrottung von fest- und feiertagen am jeweils gleichen datum, was ich am aktuellen beispiel aufzeigen will.....:
..... denn letzte nacht war beltane, ein keltisches fest, aber ebenso war auch walpurgis, ein hoher feiertagen der hexerei-gläubigen, und heut' durch den tag die christliche himmelfahrt und der sozialistische tag der arbeit, was aber noch dazu kam war, dass letzte nacht auch noch freinacht & "austrinket" im von mir favorisierten bierlokal war.....
..... sprich für kopfschmerzen is' die nächsten tage schon gesorgt..... *grin*

Rick hat gesagt…

Es war in Unterneuntupfing die Tageswette ob Kopfchaos es sich diesmal verkneifen kann die Internationale zu posten oder nicht ;)

Das hast Du gut gelöst, meine Anerkennung. Und gleichzeitig auch wieder zum Bildungsauftrag beigetragen: jetzt wissen auch die Bajuwaren und Ösis unter den Lesern dass man zum Noagerlsaufen in der Schweiz "Austrinket" sagt. Und das ist ganz wichtige interkulturelle Bildung, ein Muß für jeden grenzüberschreitenden Spitzentrinker...

Rick hat gesagt…

Danke AkZ, wir haben uns auch sehr bemüht :)

Glauben und Ideologie, Antoine, also als Sadomasochistische Veranstaltung. Über den Sozialismus sagt man ja gerne es wäre eine Krankheit die sich selbst als deren Heilung ausgibt. Vermutlich aber Grundprinzip jeder Glaubensrichtung?

kopfchaos hat gesagt…

..... der tag der arbeit und die internationale gehören doch zusammen wie die katholische kirche und das kreuz..... *grin*

..... "noagerlsaufen" kenn' ich ned, aber "austrinket" heisst soviel wie dass es der letzte tag is' wo der herr oder frau wirt das lokal führt, und damit man der brauerei nix zurückgeben muss, so wird ebend ein "austrinket" gemacht, mit verschiedenen aktionen und promotionen um den abverkauf der letzten flaschen zu fördern, zumeist is' es auch so 'ne art abschiedsparty, denn hand auf's herz, vielen is' doch der wirt oder die wirtin des stammlokals näher am herz als der eigene bruder..... *grin*

Rick hat gesagt…

Noagerlsaufen, wertes Kopfchaos, ist ungefähr dasselbe, auf Hochdeutsch Neigetrinken. Es gibt mittlerweile auch den Begriff 'Noagerlf*cken', also Restekopulieren, ich appelliere an die Phantasie. Martina Schwarzmann thematisiert letzteres auch in ihrem Lied über Ü30-Parties, eine Kabarettistin die jedem sehr empfohlen werden kann der des Bayrischen einigermaßen mächtig ist.